Sonntag, 6. Februar 2011

Hydrotherapie


Unter Hydrotherapie versteht man die Anwendung von Wasser zur Behandlung akuter oder chronischer Beschwerden, zur Rehabilitation und Regeneration. Genutzt wird dabei der Temperaturreiz des Wassers, weniger der Wasserdruck oder Auftrieb, den der menschliche Körper im Wasser erfährt. Die physiologischen Wirkungen von Wasser reichen von Gefäßreaktionen über Stoffwechselanregungen, reflexbedingter Beeinflussung der Organe, Anregung von Atmung, der Harnausscheidung, des Magen-Darm-Traktes und der Nervenerregbarkeit.

Die Hydrotherapie ist ein Bestandteil der klassischen Naturheilkunde und gehört bereits seit Jahrtausenden zur sog. Badekultur. Bekanntester Vertreter der Hydrotherapie dürfte hierzulande Sebastian Kneipp (1821 - 1897) sein, ein bayrischer Priester, der Wasseranwendungen wie Güsse, Wassertreten, Waschungen usw. zunächst an sich selbst ausprobierte bevor er sie zur Heilung von Erkrankungen anwandte und weiter differenzierte. Sein Wirkungsort Wörishofen entwickelte sich zur Pilgerstätte von Heilsuchenden und hatte bereits 1890 rund 6000 Kurgäste.

Bei Venen-Erkrankungen kommen hydrotherapeutische Kaltanwendungen in Betracht: Kaltwassergüsse, kalte Fußbäder, Wassertreten und kalte Wickel. Durch kurzfristige lokale Anwendungen in Temperaturbereichen zwischen 12 - 16 °C kommt es zur sog. Vasokonstriktion, einem Zusammenziehen bzw. einer Verengung der Gefäße, welche durch die glatte Gefäßmuskulatur ausgelöst wird und bei einer Abkühlung der Hauttemperatur auf 15°C ihr Maximum erreicht.  Kneippsche Kaltwasseranwendungen eignen sich daher hervorragend  als unterstützende Maßnahmen bei der chronisch venösen Insuffizienz zur Verbesserung des Blutflusses in den Venen. Unter regelmäßiger und korrekter Anwendung kommt es zur Abnahme der Beinödeme und dadurch zu einem Rückgang der Stauungssymptomatik.

Kneippsche Kaltwasseranwendungen in Eigenregie

Um seinen Venen etwas Gutes zu tun muss man nicht nach Bad Wörishofen pilgern oder sich eine Wassertretanlage zulegen. Eine Badewanne oder Dusche sowie das nötige Know-how reichen aus, um Kaltwasseranwendungen in Eigenregie durchführen zu können.

Bevor Sie loslegen sollten Sie aber einige Grundregeln der Hydrotherapie kennen, denn Naturheilverfahren können durchaus auch Nebenwirkungen haben und sind nicht für jedermann geeignet:

1. Wohlbefinden nach der Anwendung: Unwohlsein, Herzklopfen oder auch ein Anhalten des Kältegefühls auf kalter Haut nach der Anwendung weisen auf einen Anwendungsfehler oder aber auch  auf eine Fehlreaktion des Körpers hin.

2. Kältereize dürfen nur auf warmer Haut erfolgen: bei kalter Haut ist eine Vorerwärmung erforderlich durch Bewegung oder warmes Wasser.

3. Keine Kälteanwendung in kalten Räumen, die Zimmertemperatur sollte über 21°C liegen

4. Keine Anwendung in unmittelbarem Zusammenhang mit den Mahlzeiten, Abstand min. ½ Stunde

5. Vor und nach den Anwendungen nicht Rauchen, am besten gleich ganz damit aufhören

6. Schlanke, untergewichtige Personen sind meist wärmebedürftig, daher nur kurze Anwendungen

7. Durchtrainierte, athletische Menschen sind meist kälte- oder wärmesensibler als man meint, so dass extreme Temperaturreize nicht empfehlenswert sind

8. Untersetzte, pummelige Menschen vertragen meist kräftige Kälteanwendungen

9. Wem die optimale Wassertemperatur von 12-16°C zu kalt ist, der sollte ruhig mit 20°C beginnen und sich langsam an die kühleren Temperaturen herantasten.

Wassertreten

Benötigt werden eine Badewanne, großer Eimer oder Bottich. Das Wasser sollte bis knapp unter das Knie reichen. Über 30 - 60 Sekunden wird dann im Storchengang auf der Stelle marschiert, d.h. bei jedem Schritt wird ein Bein ganz aus dem Wasser herausgenommen, dabei sollten die Zehen nach unten zeigen. Anschließend das Wasser abstreichen - nicht abtrocknen - und die Beine wiedererwärmen durch Umhergehen oder aber sich ins Bett legen und warm einpacken.

Wassertreten in Wörishofen um 1900

Übertreiben Sie es nicht und vermeiden Sie Auskühlung!

Nicht geeignet ist das Wassertreten bei:
Harnwegsinfektionen, Blasen- und Nierenerkrankungen, Unterleibsinfektionen bei Frauen, arteriellen Durchblutungsstörungen („Raucherbeinen“), Frösteln, Frieren, kalten Füssen und während der Menstruation.

Kalter Schenkelguss

Benötigt wird eine Handdusche, an der Sie den Duschkopf abschrauben können. Perfektionisten können sich auch ein sog. Kneipp-Gießrohr besorgen, das man problemlos anstelle des Duschkopfes aufschrauben kann (ca. 25 cm lang, über´s Internet 35 - 40 Euro).



Um den gewünschten Effekt zu erzielen muss der Wasserstrahl wie folgt angewendet werden:
  • beginnen Sie immer mit dem rechten Bein
  • vom Fuß außen (Kleinzehe) nach hinten über die Bein-Außenseite aufwärts
  • am Beckenkamm 6-8 Sekunden verweilen
  • von dort auf die Vorderseite des Beines wechseln und 6-8 Sekunden die Leistenbeuge abduschen
  • über die Innenseite des Beines wieder abwärts zum Fuß
  • dann ist das linke Bein an der Reihe
Auch hier sollten Sie nach Beendigung der Anwendung auf ausreichende Wiedererwärmung achten (s. Wassertreten).

Vorsicht bei Hexenschuss, Harnwegsinfekten, Frieren, Frösteln, kalten Füssen, Menstruation und niedrigem Blutdruck.

Hier ein kurzer Video-Clip, demonstriert wird ein "kalter Knieguss"





Kalte Wickel 

Der „kalte Wickel“ eignet sich besonders bei lokalen Entzündungen, z.B. einer Venenentzündung (Phlebitis)  oder Schweregefühl und Stauungsbeschwerden nach langem Stehen. 

Benötigt werden je ein Leinen- und Baumwolltuch 30x70 cm sowie ein Wolltuch 35x70 cm. Das Leinentuch wird in kaltes Wasser getaucht (Temperatur 5-10°C unter der Körpertemperatur), leicht ausgewrungen und faltenlos straff um den Unterschenkel gewickelt, dann folgt das (trockene) Baumwoll- und zum Schluss das Wolltuch.

Beginnen sollte man mit einer kurzen Einwirkzeit von ca. 5 Minuten; empfindet man die Aktion als angenehm, so kann man sie mehrfach hintereinander wiederholen oder aber den Wickel auch 15 - 20 Minuten belassen. Er sollte spätestens dann abgenommen werden, wenn er nicht mehr als kalt empfunden wird. Im Gegensatz zum Wassertreten und Schenkelguss wird keine Wiedererwärmung angestrebt.

Vorsicht bei Hexenschuss, Harnwegsinfekten, Erkältung, Frieren, Frösteln und kalten Füssen.

Entzündungshemmende Wickelzusätze

Lehmwasser: ca. 3 Handvoll Lehmpulver (Apotheke) in Wasser aufschwemmen bis ein dickflüssiger Brei entstanden ist, der auf das Leinentuch aufgetragen wird, das dann mit der Breiseite zur Haut hin angelegt wird.
Quark: 1 cm dick auf das Leinentuch streichen (Zimmertemperatur o. kälter), evtl. den Quark mit etwas Milch verrühren, damit er geschmeidiger wird.

Kühle Kneipp-Strümpfe 

Man benötigt je ein Paar oberschenkellange Leinenstrümpfe (Bioladen, Allergikerbedarf, Internet) und Wollstrümpfe. Die Leinenstrümpfe werden in kaltes Wasser getaucht, ausgedrückt, faltenlos angezogen und die Wollstrümpfe darüber gezogen. Bei Venenleiden sollte man die Strümpfe ausziehen, sobald sich ein Wärmegefühl einstellt.

Alle Anwendungen mit warmem Wasser über 35 °C sind bei Krampfadern nicht geeignet. 

Warme Vollbäder und auch Saunabesuche sind für Krampfader-Geplagte nicht empfehlenswert! Thermalbäder und Aqua-Fitness-Gymnastik mit Wassertemperaturen unter 35 °C können auch von Menschen mit Varizen genommen werden. Ebenfalls nicht geeignet sind Anwendungen mit „scharfem Wasserstrahl“ und Bürstenmassagen!

Auch wenn Sie durch regelmäßiges Anwenden geeigneter Kneippscher Verfahren eine Linderung der Stauungsbeschwerden verspüren: sie ersetzen nicht die phlebologische Basistherapie wie Kompressionsbehandlung, Verödung oder Operation!