Mittwoch, 16. Februar 2011

Medikamentöse Behandlung der chronisch venösen Insuffizienz


Die Wirksamkeit systemischer, d.h. in der Regel als Tabletten, Dragees oder Kapseln eingenommener Venentherapeutika ist in Fachkreisen sehr umstritten, da ihre Effektivität lange Zeit nicht ausreichend belegt war. In den letzten Jahren sind jedoch einige einwandfreie Studien zu diesen Medikamenten veröffentlicht worden. Bei korrekter Indikation und Anwendung einiger Wirkstoffe konnte eine unterstützende Wirkung bei der Behandlung der CVI nachgewiesen werden. 



Als Venen-Patient muss man sich jedoch über folgendes im Klaren sein:

1. Venentherapeutika ersetzen keinesfalls die Basistherapie bestehend aus Kompressionsbehandlung, ggf. Operation und/oder Sklerosierung!

2. Die medikamentöse Behandlung mit Venentherapeutika kann im Einzelfall durchaus eine sinnvolle Ergänzung der Basistherapie sein, z.B. bei einer fortgeschrittenen Krampfadererkrankung und gleichzeitig bestehenden arteriellen Durchblutungsstörungen („Raucherbeinen“), die eine Kompressionsbehandlung unmöglich machen, bei Patienten, die mit einer Kompressionsbehandlung nur unzureichend versorgt sind oder aber zur Überbrückung bis zur operativen Varizensanierung/Sklerosierung.

3. Die meisten Venentherapeutika sind pflanzlicher Herkunft. Das heißt aber nicht, dass die Präparate keine Nebenwirkungen haben und für jedermann geeignet sind. Auch für Medikamente auf Pflanzenbasis existieren Kontraindikationen, sie sind keinesfalls harmlos. Auch sollten Schwangere und Frauen, die stillen, den Beipackzettel genauestens studieren, denn viele Präparate sind insbesondere in der frühen Schwangerschaft kontraindiziert und die Wirkstoffe können über die Muttermilch an den Nachwuchs weitergegeben werden.

4. In Deutschland existiert keine Leitlinie zur medikamentösen Behandlung mit Venentherapeutika, d.h. die medizinischen Fachgesellschaften halten sich mit Empfehlungen zurück oder drücken sich nur sehr unverbindlich aus.

5. Die Verordnung von Venentherapeutika, z.Zt. rund 50 in oraler Form und 35 sog. Externa (Salben, Cremes), geht in Deutschland nicht mehr zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen. Sie müssen die Präparate aus eigener Tasche bezahlen.

6. Venentherapeutika sind keine Lifestyle-Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel. Auch wenn sie rezeptfrei erhältlich sind, es sind immerhin noch apothekenpflichtige Medikamente!

7. Im Zweifelsfalle beraten Sie sich besser mit Ihrem Hausarzt oder Phlebologen.

Je nach Wirkstoff sollen Venentherapeutika folgende Wirkungen haben:
  • antiödematös = gewebsentwässernd
  • antiinflammatorisch = entzündungshemmend
  • antioxidativ = gewebsstabilisierend
  • proteolytisch= eiweißabbauend
  • kapillarabdichtend = gefäßwandstabilisierend
 
Welche Venentherapeutika sollen wirksam sein und warum?

Bei den aufgeführten Venentherapeutika handelt es sich um eine Auswahl an  pflanzlichen Präparaten, die verschiedene Wirkstoffe enthalten. Für Angaben über Dosierungsanweisungen, Verabreichungsformen und Nebenwirkungen keine Gewähr!

1. Japanischer Schnurbaum
 Wirkstoff ist das Rutin, das zu Troxerutin umgesetzt wird. Laut einer kleinen Studie soll die Behandlung mit der Kombination Rutin + Kompressionsstrumpf wirksamer sein als die alleinige Kompressionstrumpf-Behandlung.






Indikationen:
  • Krampfadererkrankung, CVI
  • krampfaderbedingte Ödeme
  • venenbedingte Beinkrämpfe und Schmerzen
  • Komplikationen wie Phlebitis (Venenentzündung), Hautstörungen, postthrombotisches Syndrom, Ulcus cruris („offenes Bein“)
Wirkung:
Rutin verbessert die kapilläre Mikrozirkulation und hat einen antioxidativen Effekt, wodurch das Gewebe vor freien Radikalen geschützt wird.

Freie Radikale sind Moleküle, denen ein Elektron fehlt, das sie sich bei anderen Molekülen stehlen. Die beraubten Moleküle werden nun selbst zu freien Radikalen und gehen ihrerseits auf Raubfang. Es entsteht ein Teufelskreis, der zur Zerstörung lebenswichtiger Proteine, Zellmembranen, ja sogar des Erbguts führen kann. Antioxidantien können freie Radikale neutralisieren.

Nebenwirkungen:
Allergische Hautreaktionen, Magen-Darm-Störungen, Kopfschmerzen. Rasches Abklingen nach Absetzen des Medikaments. 

Präparate:
Venoruton 300 täglich 1 Kapsel morgens
Venoruton Intens täglich 2 Tabl., nach 4 Wochen nur noch 1x1
Venoruton retard täglich 1-2 Tabl.
Venoruton Tropfen täglich 2x 5 ml, nach 4 Wochen 1x 5 ml


2. Buchweizenkraut

Hauptwirkstoff der Buchweizenfrucht sind Flavinoide, vor allem das Rutin. Es wirkt ödemprotektiv, indem die Kapillarwände abgedichtet werden, wodurch die typischen Symptome wie Schwere- und Spannungsgefühl, ödembedingte Schwellungen, Krämpfe und Schmerzen nachlassen.

Indikationen:
  • CVI Stadium I und II 
  • Krampfadern 
  • Mikrozirkulationsstörungen 
  • müde, schwere Beine
Wirkung:
s. 1. Japanischer Schnurbaum

 Nebenwirkungen:
Nach Einnahme größerer Mengen kann es unter Sonneneinwirkung zu Hautrötungen kommen. Magenbeschwerden und Übelkeit kommen vor.

Präparate:
Fagorutin Tabletten täglich 3x 2
Fagorutin Tee täglich 3x1 Tasse vor dem Essen  


3. Agrumenfrüchte (Zitrusfrüchte)

Wirkstoff ist das Diosmin, das aus den Schalen von Zitrusfrüchten gewonnen wird. 

Indikation:
  • chronisch venöse Insuffizienz mit Stauungsbeschwerden
Wirkung:
Diosmon verbessert die Fähigkeit der Venenwände, sich zu straffen, wodurch der Blutfluss gesteigert und die Ödemneigung verringert werden. Zusätzlich hat es noch antiphlogistische, d.h. entzündungshemmende Effekte. 


Nebenwirkungen:
Wird allgemein gut vertragen. In den ersten Tagen ist Juckreiz möglich, soll lt. Hersteller spontan verschwinden.

Präparate:
Tovene 300 Kapseln täglich 2x 1
Daflon 500 Kapseln täglich 2x 1


4. Rotes Weinlaubextrakt
Hauptbestandteile sind Isoquercitrin, Quercitrin-3-O-Glucoronid und Kämpferglucosid.

Indikationen:
  • unterstützend bei allen Venenleiden 
  • falls Kompressionstherapie nicht möglich  oder alleine nicht ausreicht
Wirkung:
Rotes Weinlaubextrakt führt zu einer Reduktion der Beinödeme, unterstützt die Regeneration der Venenwände und verbessert die Mikrozirkulation der Haut.

Nebenwirkungen:
Wird allgemein gut vertragen. Gelegentlich Übelkeit, Magenbeschwerden, juckender Hautausschlag.

Präparate:
Antistax Venenkapseln täglich morgens 2 Kapseln vor dem Frühstück; max. Tagesdosis 4 Kapseln
Antistax extra Venentabletten täglich 1-2 Tabletten vor dem Frühstück


5. Rosskastanienextrakt

Hauptwirkstoff ist das aus den Samen gewonnene Aescin. In einer Studie soll das Aescin genauso gut wie eine Kompressionsbehandlung wirken (ersetzt sie aber nicht!).

Indikationen:
  • CVI mit Ödemneigung
Wirkung:
Aescin wirkt überwiegend antiödematös.



Nebenwirkungen:
Gelegentlich Übelkeit, Magen- und Darmbeschwerden, Juckreiz.

Präparate:
Venostasin retard oder S Kapseln täglich morgens u. abends 1 Kapsel vor dem Essen, bei Magen-Darmbeschwerden zu dem Mahlzeiten
Venoplant retard S Kapseln täglich 2x 1


6. Steinklee

Der Hauptwirkstoff des Steinklees ist das Cumarin.

Indikationen:
  • Stauungsbeschwerden 
  • Krampfadern 
  • Hautjucken 
  • Wadenkrämpfe



Wirkung:
In Studien bei Stauungsbeschwerden zu einem Rückgang der Ödeme und somit zu einer Verbesserung der subjektiven Beschwerden geführt hat (allerdings in Kombination mit Troxerutin und intravenös gegeben!).

Nebenwirkungen:
Cumarinpräparate sind nicht ganz ohne. Unter der festen Kombination Cumarin+Troxerutin treten zwar selten Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen auf. In Einzelfällen wurden jedoch Leberschädigungen beobachtet, weshalb unter der Therapie die Leberwerte regelmäßig kontrolliert werden sollten. Bei bereits bestehender Lebererkrankung sollte das Medikament nicht eingenommen werden. Wegen einer fraglichen krebsauslösenden Wirkung von Cumarinen wurde die zulässige Dosis auf 3-5 mg beschränkt.

Präparate:
Venalot Depot Tabletten täglich 3x 1-2


7. Mäusedorn

Die Wirksamkeit des Mäusedorns, Ruscus aculeatus, wird den Steroidsaponinen zugeschrieben, die in Studien Stauungsbeschwerden reduzierte.

Indikationen:
  • zur Unterstützung bei der CVI
Wirkung:
Ruscus erhöht den Venentonus, wirkt kapillarabdichtend, entzündungshemmend und diuretisch („harntreibend“).


Nebenwirkungen:
selten Übelkeit und Erbrechen, allergische Hautreaktionen

Präparate:
Cefadyn Tabletten täglich 2x1
Phlebodril Kapseln täglich 2x 2 zu den Mahlzeiten


Das Auftragen und Einmassieren von sog. Externa, also Salben und Cremes, ist sehr beliebt. Man hat das Gefühl, seinen Beinen was Gutes getan zu haben, zumal viele Präparate einen angenehm kühlenden Effekt haben. Der Wert einer derartigen Behandlung ist jedoch weiterhin sehr umstritten. Bei schweren Formen der CVI mit Hautschäden greifen die Betroffenen oft aus Verzweiflung zu zahlreichen Präparaten, was im Laufe der Zeit zu einer Sensibilisierung gegen viele Substanzen auf Salbenbasis führt. Wie wär´s stattdessen mit Kniegüssen oder kalten Wickeln nach Kneipp?

Hydrotherapie nach Kneipp in Eigenregie